Rosa Damàs

ihr Glanz - ihr Fluch

Veröffentlichung im Juni 2016 NTV: Einer der begehrtesten farbigen Diamanten der Welt, mit dem Namen „Unique Pink“ hat in der Nacht zum Mittwoch in Genf für 30,8 Millionen Franken einen neuen Besitzer bekommen, berichtet das Auktionshaus „Sotheby‘s“. Nach deren Angaben ist der 15,8 Karat schwere Edelstein der weltgrößte Diamant in Perlenform.
Während die Nachricht über den Besitzerwechsel dieses Diamanten um die Welt geht, ahnen weder Berichterstatter noch die Bestimmer seines Wertes und seiner nahen Zukunft, dass ein paar Jahre zuvor zwei Kontrahenten seine Geschichte schrieben.
Es ist das Jahr 2010, als sich die beiden Erzähler von „Unique Pink“ in den Räumlichkeiten der deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt/M treffen. Ein Sonderprogramm der Bibliothek (Computer und Schreibprogramme stehen Senioren zur Verfügung, um ihre Memorieren auf einen Rechner zu bannen) schenkt den beiden Ich-Erzählern den Anlass, einander zu begegnen.
Es ist ein Diamant, der die Geschicke beider Erzähler eint. Während der Jüngere, der beiden offensichtlich beauftragt ist, den Senior am Ende seines Lebens von diesem Wertgegenstand zu befreien, hat der Senior seinen Verfolger längst erkannt, weiß um das angestrebte Ziel seines Besuches. Es ist der Alte, der den Jüngeren anspricht mit den Worten: „Warten Sie dann drei Tage. Sollte ich nach Ablauf dieser Zeit plötzlich nicht mehr hier erscheinen, so öffnen Sie meine Datei. Diese wird Sie dahinführen, wo Sie hinwollen. Sie werden ihren Auftrag ordnungsgemäß ausführen, das verspreche ich Ihnen.“
Der Jüngere öffnet nach drei Tagen die Datei des „Alten“ und dabei steigt er ein in seine Hinterlassenschaft, welche der greisenhafte Erzähler mit „Rosa Damás“ betitelt. Unter diesem Namen berichtet der Erzähler über das kurze Leben seiner verstorbenen Halbschwester, die den Diamanten zum Zeitpunkt ihres Todes in ihrem Leibe trug. Ihr und ihrem schicksalhaften Tod, an welchem der Greis selbst eine ebenso tragische Beteiligung trägt, hat der Lesende einer Zeitreise zu folgen, welche im Jahre 1933 beginnt und am 29.07.1961 endet. Als Erzählschauplatz wählte der Erzählende den Frankfurter Hauptfriedhof.
Der 29.07.1961 ist der Folgetag nach Rosas Beerdigung, an welchem der Erzähler, besinnungslos vor Schmerz, ihr Grab aufsucht und an diesem Ort und zu diesem Zeitpunkt halblaut seine Lebensgeschichte sowie die seiner Halbschwester über die Gräber murmelt. Figurenreich beginnt der Erzähler im Jahr von Hitlers Machtergreifung und benennt dabei sorgfältig wie ein Chronist das jeweilige Datum der verschiedenen Lebensetappen und lässt niemanden aus, der Rosas frühen tödlichen Untergang mitverschuldete.
Zwischen den Zeitreisen aller Beteiligten gönnt sich Leander Hartmann immer wieder Pausen und besinnt sich immer wieder des Ortes, an dem er sich befindet, nämlich am Grab von Rosa, Samstag, den 29.07.1961. Geklammert an seinen eigenen Seelenzustand, mischt er seine Lebensberichte mit eigenen Weisheiten und gedanklichen Betrachtungen, die nach dem Tod von Rosa „ein wenig“ sein schmerzbeladenes Überleben erleichterten.
Sein Beobachter, der Jüngere und Leser dieser Zeilen verliert fast die Geduld. Denn seine Aufgabe ist es, den gesuchten Diamanten ausfindig zu machen und zu seinen einstigen Besitzern zurückzuführen, bis der Erzähler am Ende seines Berichtes ihn noch in seine letzte Beichte einweiht und ihm gesteht, wie er dann im Morgengrauen des 30.07.1961 zu Rosa hinabstieg, das Grab öffnete, ihr den Diamanten entwendete, der nach ihrem Tod als ein Teil ihres Körpers wieder im Schoß der Erde landete.
Die Stimme des Senioren verstummt nach Beendigung seines Berichtes. Leander Hartmann verabschiedet sich am Ende seiner Erzählung mit den letzten Worten: „Leben Sie wohl, junger Freund.“ Es ist nun der junge Erzähler, der in der Erzählung nun den Ton bestimmt, die Geschichte in das Jahr 2010 und an den Ort, der Nationalbibliothek in Frankfurt zurückführt. Der „Jüngere“ ist nun derjenige, der die Erzählung übernimmt und berichtet, wie der „Alte“ ihn durch einen deponierten Schlüssel unterhalb des Schreibtisches zu sich nach Hause lockt. Dort stößt er auf einen Toten. Der „Alte“ ist mittlererweile an seinem Wohnort verstorben. Es ist ein letzter Brief, den er beim Toten vorfindet, der ihn wissen lässt, wo er nun diesen seit Jahrzehnten gesuchten Diamanten findet.
Ein letztes Mal muss sich der „Suchende“ noch einmal durch die Seelenlast und die Befindlichkeiten und des zum Teil schwer erträglichen Erzählinhalts des „Alten“ durchackern. Dann entfernt er den Diamanten aus dem Körper des Verstorbenen, verlässt das Haus und die Geschichte um den Diamanten findet ihr Ende. Wer der zweite Erzähler ist, muss der Leser ahnen.

Textprobe

Frankfurt am Main, Deutsche Nationalbibliothek

Projekt „Vergangen nicht Vergessen“ 2010

Keine Angst, Sie werden es schon noch von mir erfahren. Alles werde ich Sie wissen lassen.“

Er steht direkt hinter mir. Ich spüre seine Nähe. Ich rieche seinen Atem. Ich ahne sein Alter. Mir ekelt. Mein Gott, was für ein moderiger Geruch. Warum rückt er mir so dicht auf die Knochen? Er flüstert mir von links ins Ohr. Ein zarter Luftzug schleicht die Wange entlang, dringt mir schonungslos durch die Nase.

Auf der Suche nach einem endgültigen Abschluss für meine langwierigen Recherchen war ich in einer Nische zwischen diesen Greisen konzentrierter Angespanntheit gelandet. Die Deutsche Nationalbibliothek hat ein Programm ins Leben gerufen, welches sie „Vergangen nicht Vergessen“ nennt. An schlichten, langen Tischen stellt sie für ein gutes halbes Jahr Computer und Schreibprogramme für Memoiren zur Verfügung.

Hier treffe ich nun in einer Ecke jene Senioren, deren quälende Erinnerungen - kurz vor Tore Schluss – eine fiebrige Wendigkeit in ihre Venen treibt, sich noch „ein einziges Mal“ den rumorenden „Geistern von Gestern“ auszusetzen. Als ein Labsal der Erleichterung höre ich Tastaturen klappern, rasch, zwingend, unwiderruflich.

Bewegte Finger pressen Buchstaben, verleihen Figuren Gestalt, die losgelöst von einem betagten Gedächtnis auf den Speicherplatz eines Rechners finden.

Schon eine ganze Weile beobachte ich einen besonders eifrigen Schreiber. Der Druck, etwas zu erzählen, bannt ihn an diesen Ort. Gelegentlich erhebt er sich von seinem Stuhl, durchquert den Raum, läuft wie getrieben hin und her, verharrt für einen Moment vor seinem Platz, starrt auf seinen Rechner, setzt sich wieder, schreibt weiter.

Bei jedem Schritt hebt er den rechten Fuß hoch, zieht ihn nach, als schmerze das Auftreten. Welche Wunde ist es, die so sehr seinen Tritt behindert? Was ist es für eine Geschichte, die ihn derart zwingt, seine Schmerzen zu überwinden? So gern möchte ich diesem Mann über die Schulter schauen, will wissen, welche Offenbarung dort an diesem Arbeitsplatz als Schrift erscheint. Könnte ich bloß in seinem Gedächtnis ein- und auswandern und als erstes zur Einsicht seines Geständnisses das Passwort seines Textes stibitzen.

Plötzlich spüre ich von hinten eine Berührung an meinen Unterschenkeln, an meinen Knien. Sind es tatsächlich seine Beine, die er jetzt deutlich in meine Kniekehlen knickt? Jetzt hat er sich noch dichter an mich herangeschmiegt.

Schauen Sie nach mir, junger Freund. Sollte ich in drei Tagen nicht mehr erscheinen, so vollenden Sie meinen Text, versprechen Sie mir das? Wenn Sie meine gespeicherte Datei öffnen, denken Sie an…..Rosa Damás.....und...dann, lassen Sie die Geschehnisse auf sich zukommen. Sie werden es nicht bereuen.“

Ich drehe mich um. Auf gleicher Höhe treffen sich die Blicke unserer Augenpaare. Mein Gott, was für ein Gesicht, mit einer Haut wie aus antikem Pergament. In jungen Jahren war dieses bestimmt ein unübertrefflich schönes gewesen.

Ich warte drei Tage. Sie sind verstrichen. Ich fixiere die Uhr. Der vierte Tag ist angebrochen. Es ist genau 9:07 Uhr. Er ist nicht gekommen. Wird er auch nicht mehr kommen? Ich blicke mich um. Niemand interessiert sich für mich. Das ist gut. Ich schaue auf seinen PC, den ich als sein als Arbeitsmittel kenne. Ich setze mich an seinen Platz. Die Oberfläche des Bildschirmes ist dunkel. Ich greife zur Maus, bewege sie und sehe, die Oberfläche seiner zuletzt bearbeiteten Datei wird mir sofort angezeigt. Aber die Datei ist passwortgesperrt. Ich muss nur das Passwort eingeben, welches er mir zuflüsterte, was unverzüglich geschieht.

Es erscheint sofort ein Text. Mit dem Erscheinen des Textes geschieht es. Es ist, als stünde der alte Mann wieder hinter mir, als flössen seine Worte mir wieder direkt ins Ohr:

„Guten Morgen, junger Freund. Da sind Sie. Ich wusste es. Ich wusste genau, dass Sie in den ersten Minuten nach Ablauf der benannten Frist an meinem Platz erscheinen. Ich weiß, was Sie wollen. Deshalb sind sie hier. Ich habe einst eine große Schuld auf mich geladen, die als schwere Last Tag für Tag alle meine Glieder beschwerte, mich für ewige Zeiten in den Zwinger einer Einsamkeit ankettete, ohne Rettung für lange Zeit dahin siechen ließ.

Ich weiß, die Worte meiner Qual interessieren sie nicht. Sie sind gekommen, um es mir fortzunehmen, um es nach vielen Jahren mitzunehmen. Nach all diesen langen Lebensjahren des Schweigens, der Verstummung über die Hintergründe von Rosas Tod und ihrer Erbschaft, die sie am Leibe trug, ist dies vollkommen in Ordnung.

Mir wird das gleiche wiederfahren, was ihr wiederfahren ist. Sie werden es mir fortnehmen, wie ich es ihr fortgenommen habe nach ihrem Tod. Nun ist für mich endlich der Moment gekommen, mich davon trennen. Und ich, ich werde Ihnen sogar dabei helfen.

Sie werden „Es oder Ihn“ aus mir herausschneiden, wie ich „Es oder Ihn“ vor vielen Jahren aus ihr herausgeschält habe. Ich war damals wie von Sinnen vor Schmerz und Entsetzen, als ich später nach dieser Tat erkennen musste, dass mein Raub ein Irrtum war, weil ich meinte vollenden zu müssen, warum sie überhaupt sterben musste.

Aber, bevor Rosas Erbschaft und meine Hinterlassenschaft bald in Ihre Hände gerät, habe ich noch eine Forderung. Bevor Sie Ihr Ziel erreichen, werden Sie vorher dafür noch etwas tun. Das ist meine Bedingung, bevor sich die Geschichte von anderen weiterschreibt und sie der nächste Besitzer werden.

Sie haben mich die letzten Wochen beobachtet. Bereits als Sie Ihren ersten Fuß in diese Räume setzten, wusste ich genau, Ihr Besuch gilt mir. Ich habe es genau gesehen, im Detail registriert, welche Mimik meine Arbeit bei Ihnen auslöst. Ich habe die letzten Wochen meines Lebens dazu benutzt, meine Lebensgeschichte mit ihr aufzuschreiben. Ich habe alle Beteiligten benannt, die Rosas Leben bestimmten, ihren Untergang bewirkten, hielt auf diese Weise das Labyrinth menschlicher Verfehlungen, fleischlicher Verflechtungen fest.

Die Benennung all dieser Geschehnisse war Balsam für meine Seele. Es hat mir nach so langer Zeit unendlich gut getan, alles Wissen aus meinen vom ewigen Irrtum geschundenen Gliedern herausrinnen zu lassen. Aus diesem Grund bin ich auch nicht bereit, diese kostbaren Zeilen ohne Bedingungen an Sie auszuhändigen.

Und nun, junger Freund, folgt mein Wunsch. Ich möchte, dass Sie an meiner Geschichte teilhaben. Sie werden mit mir zusammen, dieses schriftliche Werk zu Ende führen. Sie werden meinen Zeilen folgen und werden Ihren Teil, den Sie auftragsgemäß zusammentrugen, um zu mir zu finden, einflechten. Sie werden meinen Bericht um Ihren Anteil ergänzen.

Dann, junger Freund, nachdem Ihr Anteil eingeflossen ist, erfahren Sie, wie es weitergeht. So, üben Sie sich in Geduld und vor allen Dingen, wie gerade erklärt, auch ein wenig in Fleiß.

Dann ist die Geheimniskrämerei endgültig vorbei, dieses Werk mit seiner Geschichte komplett. Das bin ich ihr schuldig, nachdem, was ihr alles angetan wurde und die Erfüllung meines Wunsches sind Sie mir schuldig, für das, was Sie mir noch antun wollen.“

Rosa Damás

Frankfurter Hauptfriedhof, 29.07.1961